Salih Muslim ist tot – Das Gesicht des Kampfes um Kobâne - Syrisch-kurdischer Politiker starb mit 75 Jahren

Eine traurige Nachricht: Salih Muslim ist tot, er starb am 11. März im Alter von 75 Jahren im nordirakischen Erbil im Krankenhaus. Salih Muslim war 2014 das politische und diplomatische Gesicht des Kampfes um die nordsyrische Stadt Kobâne. Als Co-Vorsitzender der syrisch-kurdischen PYD (Partei der demokratischen Union) war er auch in Deutschland zu Gesprächen unterwegs.

Salih Muslim 2014 in Berlin
Rosa Luxemburg-Stiftung, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Das war die Zeit, in der dem Westen der Arsch ob des vorrückenden IS sprichwörtlich „auf Grundeis“ ging. Im politischen Berlin begann man, die Kurdische Arbeiterpartei PKK, die höchst erfolgreich gegen den IS („Islamischer Staat“) Widerstand leistete, anders als bisher zu bewerten. Man dachte offen über eine Aufhebung des PKK Verbotes von 1993 (!) in Deutschland nach. Leider reichte es dazu doch nicht. In Folge des Verbotes wurden und werden politisch aktive Kurd:innen bis heute in Deutschland überwacht, kontrolliert, vor Gericht gestellt und verurteilt. Das Gros der Verurteilungen geschieht wegen demokratischen Aktivitäten wie dem Organisieren von Kundgebungen, der Teilnahme an Demonstrationen und sonstigen öffentlichen Meinungsäußerungen. Zeitgleich zu diesen Überlegungen wurde in Syrien und dem Nordirak der Vormarsch des IS humanitär und militärisch gestoppt durch kurdische Guerillaeinheiten aus der Türkei und aus Syrien.

Die Hochphase des Kampfes um Kobâne war zwischen August 2014 und Februar 2015. Völlig überraschend trafen die Verbände des IS nach ihren gigantischen Geländegewinnen und der Eroberung von großen Mengen militärischer Ausrüstung der irakischen Armee an dieser syrischen Grenzstadt zur Türkei auf massiven militärischen Widerstand. Verantwortlich für den Widerstand waren Einheiten der PKK und der syrisch-kurdischen YPG (Volksverteidigungseinheiten). Das Problem: diese hatten mit ihren Guerillaeinheiten die nötigen und hoch motivierten Bodentruppen, sie hatten Rückhalt in der Bevölkerung, aber sie hatten keine panzerbrechenden Waffen, was ihrem Wirken deutliche Grenzen setzte.  Diese wurden dann von den USA geliefert, in Stahlcontainern abgeworfen. Kurz danach begannen die USA und Verbündete mit Kampfflugzeugen gegen IS-Stellungen vorzugehen. Die Zielkoordinaten bekamen die USA nicht von der irakischen und nicht von der türkischen Armee, sondern von den kurdischen Kräften.

Dass der Konflikt um Kobâne derart medial bekannt wurde, liegt zu Teilen an der topografischen Lage. Die türkische Grenze war in Sichtweite. Dort standen massenhaft Journalist:innen und Kamerateams, beobachteten die Ereignisse und verbreiteten spektakuläre Livebilder. Einzelne Journalist:innen waren auch in der Region Kobâne selbst unterwegs und lieferten Bilder und Berichte aus dem Zentrum des militärischen Konfliktes.

In Kobâne wurde dem IS die erste militärische Niederlage zugefügt. Es war aber eigentlich seine zweite Niederlage: Kurz zuvor hatten kurdische Einheiten dem IS bereits im Sommer 2014 eine humanitäre Niederlage zugefügt. Im nordirakischen Sindschar-Gebirge befreiten sie mehrere zehntausend yesidische Frauen, Kinder und ältere Männer aus den Klauen des IS, indem sie einen Korridor schlugen und die völlig entkräfteten und dem Verdursten nahen Yesid:innen aus der brütenden Hitze zurück in die Ebene brachten, wo sie versorgt werden konnten. Diese entgingen damit dem vom IS geplanten sicheren Tod durch Verdursten.

Mit Salih Muslim ist einer der kurdischen Politiker:innen jetzt verstorben, die mit dafür verantwortlich waren, dem IS die erste humanitäre und die erste militärische Niederlage beizubringen und damit dessen Vorstoß entscheidend zu stoppen.


Kleiner Funfact:
Das PKK-Verbot in Deutschland von 1993 wurde vom damaligen Innenminister Manfred Kanther (CDU) ausgesprochen. Das war der Kanther, der einige Jahre später seinen Hut nehmen musste, weil er im CDU-Spendenskandal CDU-Schwarzgeld als „jüdische Vermächtnisse“ deklarierte. Dieser offensichtliche und plumpe Antisemitismus war dann den Oberen in der CDU etwas zu viel, und er wurde „abgesetzt“.
 

 

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