Einer der Höhepunkte der aktuellen Spielzeit des Theaters Trier war die Oper "Die Entführung aus dem Serail" von Wolfgang Amadeus Mozart. Die 1782 in Wien uraufgeführte Oper zählt zu seinen beliebtesten Werken. Der Inhalt ist in weiten Teilen eine Persiflage auf islamische Herrschaft und insbesondere das Osmanische Reich, das knapp hundert Jahre zuvor beinahe Wien erobert hätte. In der Trierer Fassung wurde die Handlung jedoch total umgeschrieben, alle Islambezüge wurden raus genommen. Die Begründung des Regisseurs Holger Potocki hat es in sich: "Dieses Thema kann man heute nicht mehr gut in einer stereotypen Konfrontation von muslimischer und westlicher Welt erzählen. Gerade der Nahostkonflikt heute ist so komplex und schrecklich, dass sich die originale Geschichte schlecht dafür eignet." (1)
Im Mittelpunkt der Originalgeschichte hält der islamische Pascha Bassa Selim Konstanze, eine Spanierin, in seinem Palast, dem Serail, gefangen und verleibt sie seinem Harem ein. Er hat sie zusammen mit ihrer englischen Zofe Blonde und deren Freund Pedrillo auf einem Sklavenmarkt gekauft. Konstanzes Geliebter Belmonte versucht, sie zu befreien und aus dem Serail in die Freiheit zu entführen. In der Trierer Inszenierung wird der Harem zu einer esoterischen Sekte und Bassa Selim zu deren Guru, der seine Anhänger in Abhängigkeit hält. Aus dem Haremswächter Osmin wird ein Securitymann, der die Sektenmitglieder an der Flucht aus Bassa Selims Domizil hindert. Die neue Geschichte ist in sich schlüssig und hätte den Stoff für ein eigenes Stück - ein Theaterstück, eine Oper, eine Operette, ein Musical - abgeben können. Sie ist für sich genommen gelungen und trifft sehr gut die Vorgänge in Psychokulten. Aber das darf nicht über den Grund des Umschreibens hinwegtäuschen: Ein vorauseilendes Einknicken vor Anfeindungen wegen "Islamfeindlichkeit" und "antimuslimischem Rassismus". Denn nichts anderes zeigt sich in der Begründung des Regisseurs. Dabei läuft das Original keineswegs auf eine Dämonisierung von Muslimen hinaus. Bassa Selim zeigt sich am Ende als aufgeklärter, humaner Herrscher, der die Gefangenen in die Freiheit entlässt. (2)
Bei Mozarts Oper handelt es sich um ein Singspiel, in dem nicht durchgehend gesungen, sondern die Handlung durch gesprochene Texte vorangetrieben wird, die sich mit den gesungenen Teilen abwechseln. Geändert wurden nur die für die Handlung relevanten Sprechtexte, die Lieder sind original geblieben und enthalten nach wie vor Islambezüge, die dann im Kontext der neuen Handlung unpassend wirken und keinen richtigen Sinn ergeben. Immerhin hatte das den Vorteil, dass man hinsichtlich der Musik das Original genießen konnte. Und die wurde von den Trierer Sängern und Sängerinnen und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier auf höchstem Niveau dargeboten.
Eine Modernisierung und Aktualisierung an sich hätte durchaus Sinn ergeben und ohne grundlegende Änderung der Handlung – also dem Herausfiltern der Islamkritik - auskommen können. Der Regisseur hätte sich bei seiner Bearbeitung auf die aktuelle politische Situation beziehen und ein paar Anspielungen rein nehmen können. Das ist in der Geschichte der Oper oft geschehen, denn von sehr vielen Opern gibt es unterschiedliche Versionen. Bei aktuellen Anspielungen hätte man allerdings erst recht mit Islamophobie-Vorwürfe rechnen müssen, und es wäre nicht auszuschließen gewesen, dass die Oper dann unter Polizeischutz hätte aufgeführt werden müssen. (3) Tatsächlich wurde aber in vorauseilendem Gehorsam der gegenteilige Schritt vollzogen, Kleinmut statt kreativer Risikobereitschaft zum Programm erhoben.
Regisseur Potocki hätte sogar den Sektenbezug rein nehmen, aber das Ganze dann, statt in einer Esoterik-Sekte, in einer Salafisten-Gruppe ansiedeln können. Haremswächter Osmin als Pierre Vogel-Verschnitt hätte sicher gut gepasst. (4)
Fazit
Zu einer der aktuellen Situation angemessenen Neuinszenierung dieses Mozart-Klassikers hätte ein Mindestmaß an kreativem Mut gehört und nicht der in Trier gezeigte, devot vorauseilende Kniefall vor mutmaßlichen Reaktionen „friedlicher“ Islamlobbyisten. Damit fiel Regisseur Potocki analytisch hinter Mozart und seinen Librettisten Johann Gottlieb Stephanie zurück. Modernisierung geht anders. Aber vielleicht sind ihm die an die ganz aktuellen Praktiken des Islamischen Staates, der Hamas oder des iranischen Mullah-Regimes erinnernden Worte des Haremswächters Osmin in die Glieder gefahren: „Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen.“ Ein Regisseur muss kein Nahostexperte sein, es wäre nichts Ehrenrühriges gewesen, in Sachen Islamkritik auf Expertise außerhalb des Theaters zurückzugreifen. Wer ein Auto hat, fährt dieses zur Reparatur schließlich auch in eine Fachwerkstatt und bastelt nicht selbst an der Elektrik herum.
(1) Zitiert nach dem Programmheft „Die Entführung aus dem Serail“, Theater Trier, Spielzeit 2025/26, S. 13. Potocki ist freischaffender Regisseur.
(2) Zur Handlung des Originals siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Entf%C3%BChrung_aus_dem_Serail
(3) So geschehen 2006 bei der Inszenierung einer anderen Mozart-Oper, „Idomeneo“, in Berlin, wo die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Buddha und Mohammed gezeigt wurden, was zu Protesten und der Angst vor islamistischen Anschlägen geführt hatte. Siehe https://www.welt.de/print-welt/article703647/Idomeneo-unter-Polizeischutz.html
(4) Tatsächlich ist der salafistische Prediger Pierre Vogel alias Abu Hamza ein Konvertit, ein ehemaliger Christ, der dann zu einem radikalislamischen Demagogen wurde. In Mozarts Oper ist Bassa Selim ein Konvertit.