"Christsein schließt Antisemitismus aus“ – aber warum singt man im Bistum Trier noch solche Lieder?

„Man kann unmöglich Christ und zugleich Antisemit sein.“ Mit diesem klaren Satz positionierte sich Kurienkardinal Kurt Koch am 26.1.2023 bei einer Veranstaltung zum jüdisch-christlichen Dialog an der theologischen Fakultät Trier.  Die Aussage ist eindeutig – und genau deshalb wirft sie Fragen auf. Denn zwischen theologischen Erklärungen und kirchlicher Praxis klafft bis heute eine Lücke.

 

Ein Beispiel dafür liefert das Bistum Trier. Im Anhang des „Formular zur Feier des Fronleichnamsfestes“– das von 1992 stammt - ist bis heute eine hochproblematische Liedstrophe abgedruckt: Die Strophe zwei des Liedes "Menschen dient aus frohem Triebe". Dieser Anhang enthält liturgische Bausteine und Lieder für das Hochfest des Fronleichnamsfestes.

„Ja, hier ist nicht Bundeslade,
hier nicht Schatten, Bild, Figur,
hier ist Wahrheit, Quell der Gnade,
Licht, Gott, Herrscher der Natur.
Himmel, Erde, Luft und Meer,
jauchz't mit uns zu seiner Ehr.
jauchz't mit uns zu seiner Ehr.“

Hinter solchen Bildern steht eine jahrhundertelang verbreitete Vorstellung: Das Christentum – dazu dient der Verweis auf die Bundeslade - habe das Judentum abgelöst und übertroffen. Genau diese sogenannte Substitutionstheologie prägte über viele Jahrhunderte die christliche Tradition. Die Aussage dahinter lautete vereinfacht: Israel habe seine Erwählung verloren, die Kirche sei nun das „neue Gottesvolk“.

Heute gilt diese Lehre in der katholischen Kirche offiziell als überwunden. Mit der Konzilserklärung Nostra aetate bekannte man sich 1965 zur bleibenden Erwählung Israels und verwarf jede Form der Judenfeindschaft. Johannes Paul II. sprach später ausdrücklich davon, dass Gottes Bund mit Israel niemals gekündigt worden sei. Der Katechismus der Katholischen Kirche (1997) nahm diese Formulierung auf.

Gerade deshalb irritiert der Umgang mit solchen Liedtexten heute umso mehr. Denn im neuen Gotteslob (Gebet- und Gesangbuch der Katholischen Kirche) ist das Lied längst nicht mehr enthalten. Offenbar wurde also erkannt, dass solche Formulierungen theologisch mindestens problematisch sind. Umso unverständlicher ist es, dass sie im Anhang des Formulars zur Fronleichnamsfeier des Bistums Trier im Jahr 2026 weiterhin verbreitet werden.

Das wirkt wie ein kirchlicher Doppelstandard: Offiziell distanziert man sich von antijüdischen Denkmustern, praktisch aber hält man an Texten fest, die genau diese Tradition weitertragen. Die gleiche Metapher (Licht, das Nacht und Schatten vertreibt) findet sich in der Sequenz Lauda Sion des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Die deutsche Fassung „Deinem Heiland deinem Lehrer“ ist allerdings ohne die beanstandete Strophe im aktuellen Gotteslob.
Natürlich wird heute niemand in der Kirche bewusst Antisemitismus predigen wollen. Aber Sprache ist auch im christlichen Kontext nie neutral, sondern prägt Glauben. Wer alte Feindbilder in Liturgie und Liedgut unkritisch konserviert, bewirkt damit, dass alte Denkmuster fortleben.

Der Satz von Kardinal Koch bleibt deshalb richtig – aber er verpflichtet auch zu einer anderen Praxis. Wer sagt, Christsein und Antisemitismus seien unvereinbar, muss daraus Konsequenzen ziehen. Nicht nur verbal in Vorträgen und Dialogveranstaltungen, sondern auch in Gesangbüchern, Prozessionen und liturgischen Anhängen.

Die Kirche hat nach der Shoah und angesichts ihrer eigenen zum Teil zustimmenden Haltung zum Nationalsozialismus gelernt, ihre Beziehung zum Judentum neu zu denken. Doch diese Einsicht darf nicht an den Türen der Sakristei enden. Sie muss auch dort sichtbar werden, wo Kirche betet und singt. 

 

 

 

 

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