Auffallend war, dass zahlreiche Kufiyas, Palästinensertücher, zu sehen waren, deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Dieses seit dem 7. Oktober 2023 mehr denn je zentrale Symbol des israelbezogenen Antisemitismus trugen auch Teilnehmer:innen zur Schau, die sich durch ihre Jacken und die darauf befindlichen Logos als aktive Gewerkschaftsmitglieder zu erkennen gaben. Faktisch wurde damit auch explizit gewerkschaftsschädigendes Verhalten an den Tag gelegt. Denn der DGB vertritt traditionell und laut aktueller Beschlusslage eine israelsolidarische Haltung. Kern dieser Solidarität ist die enge Partnerschaft mit dem israelischen Gewerkschaftsverband Histadrut, die nicht nur symbolischer, sondern auch praktischer Natur ist und ihren Niederschlag unter anderem in gegenseitigen Besuchen von Delegationen findet. (1) An den Versuchen, die Kundgebung im antisemitischen Sinne umzufunktionieren und die deutsch-israelische Gewerkschaftssolidarität zu sabotieren, schien sich aber niemand zu stören. Unklar ist, warum der DGB als Veranstalter diese Pöbeleien gegen sich zuließ. So durfte eine Kufiya-Trägerin während der Veranstaltung ungehindert ein Flugblatt verteilen, auf dem unter anderem zu lesen war: „Auch deutsche Gewerkschaften leisten indirekte Unterstützung des Völkermords in Gaza. Der Deutsche Gewerkschaftsbund arbeitet seit 50 Jahren freundschaftlich mit der Histadrut zusammen. Die Histadrut ist der sogenannte Gewerkschaftsverband Israels. Er unterstützt die Besatzung Palästinas seit einem Jahrhundert.“ (2) Dieselben Leute, die auf ihren Demonstrationen gerne „Hoch die internationale Solidarität!“ rufen, wenden sich also in Wirklichkeit gegen die internationale Solidarität der Arbeiterbewegung, wie sie unter anderem in der Zusammenarbeit deutscher und israelischer Gewerkschafter ihren Ausdruck findet. Dass sie die israelischen Gewerkschaften als „sogenannte“ Gewerkschaften diffamieren, unterstreicht noch einmal den gewerkschafts- und arbeiterfeindlichen wie auch antisemitischen Charakter ihrer Propaganda.
Mit der Formulierung, die Histadrut unterstütze „die Besatzung Palästinas seit einem Jahrhundert“, könnten sich die Verfasser des Flugblatts nicht deutlicher selbst entlarven. Es geht eben nicht nur um Israel, denn das gab es vor einem Jahrhundert noch nicht, wie es auch noch kein Palästina als politische Entität gab. Die Histadrut wurde 1920 in Haifa, im britischen Mandatsgebiet Palästina, gegründet, als Selbstorganisation der jüdischen Arbeiterklasse. Das Flugblatt greift also ganz direkt die linkszionistische Arbeiterbewegung an und denunziert die bloße Anwesenheit von Juden in dieser Region als „Besatzung“.
In der Histadrut organisieren sich heute nicht nur jüdische, sondern auch nichtjüdische, darunter zahlreiche arabische, Israelis. (3)
Erfreulich: Die Gewerkschaftsjugend hatte an ihrem Infostand eine Broschüre gegen jeden Antisemitismus ausliegen. Unerfreulich: Sie musste sich deshalb von Teilnehmern die Beschimpfung „Scheiß Zios!“ anhören. (4)
Bei der Demonstration wurde über Megafon zur Unterstützung des palästinensischen Terrors aufgerufen und unter anderem „Viva Palästina!“ skandiert, auch hier also offen antisemitisches und israelfeindliches Verhalten.
Fazit:
Zu übersehen war diese propagandistische Offensive israelfeindlicher Aktivisten, die sehr missionarisch auftraten, nicht. Die Veranstalter wie auch die Redner - Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) und Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) - verhielten sich nicht dazu. Offenbar wollte man ein Klima der Harmonie aufrechterhalten. Durch diese falsche Toleranz nimmt man in Kauf, dass sich Antisemiten ermutigt fühlen, ihr Verhalten wird normalisiert. Der Tsunami des Antisemitismus nimmt weiter Fahrt auf, die Bedrohung für Juden und Jüdinnen wie auch für alle, die sich auf ihre Seite stellen und gegen Antisemitismus und Israelfeindschaft Position beziehen, wächst. So, wie der DGB zu Recht keine AfD-Fahnen auf seinen Veranstaltungen duldet, so muss dies auch zukünftig mit antisemitischen Codes sein.
Hintergrundinfos:
(1) Das Partnerschaftsabkommen zwischen den beiden Gewerkschaften wurde am 3. September 1975 unterzeichnet. Zu seinem 50jährigen Bestehen hat der DGB eine Broschüre herausgebracht, die hier kostenlos bestellt oder als PDF heruntergeladen werden kann: https://www.dgb-bestellservice.de/broschuere-50-jahre-partnerschaft-zwischen-dgb-und.html
Anlässlich des Pogroms vom 7. Oktober 2023 hat der DGB-Bundesvorstand an die Histadrut eine Solidaritätserklärung geschickt, die hier nachgelesen werden kann: https://www.dgb.de/aktuelles/news/solidaritaet-mit-israel/
Historisch leistete der DGB – gegen Widerstand in den eigenen Reihen – Pionierarbeit im Kampf für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der aus dem Exil zurückgekehrte jüdische Gewerkschafter Ludwig Rosenberg, der von 1962 bis 1969 dann auch Bundesvorsitzender des DGB war. https://www.hagalil.com/2019/01/ludwig-rosenberg/
(2) Das Flugblatt trägt den Titel „STOPPEN WIR DIE KRIEGE, WO SIE BEGINNEN: HIER“. Herausgegeben wird es von einer Gruppe, die sich GEWERKSCHAFTER:INNEN 4 GAZA nennt, presserechtlich verantwortlich zeichnet eine Berliner Adresse. Es handelt sich um eine überregionale Diffamierungskampagne gegen den DGB.
(3) Ausführlich dazu dieser Facebookeintrag der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Rhein-Neckar, Mannheim vom 1. Mai 2026: https://www.facebook.com/DIG.RheinNeckar.Mannheim/posts/pfbid0uRqr3sc2MDgDUKzU3VWyA3iYMRabqdPXde8DpyNNUkjT8fYpf2UVCwmq4RxM392bl
(4) Die Broschüre der DGB-Jugend „Blickpunkt: Gegen jeden Antisemitismus!“ kann hier sowohl bestellt als auch als PDF heruntergeladen werden: https://jugend.dgb.de/materialien/++co++3eb85532-e9c1-11ed-8e96-001a4a16011a
Medienberichte:
"Erst unsere Jobs, dann eure Profite"
1. Mai in Trier: Für gute Arbeitsbedingungen streiken
SWR, 1.5.26
https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/zentrale-dgb-kundgebung-in-trier-100.html
Tag der Arbeit
Gewerkschaften fordern sichere Jobs und gerechte Löhne
Trierischer Volksfreund, 1.5.26
https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/1-mai-dgb-kundgebung-in-trier-mit-300-teilnehmern_aid-147679673